Readings with Light

Die Karte „Der Tod“ und Allerseelen: Was Tarot und Erinnerung verbindet

1. November 2026

An den ersten beiden Novembertagen besucht ein großer Teil der Welt seine Toten. In Mexiko ist es der Día de Muertos, mit Fotos und Studentenblumen auf dem Familienaltar. In Brasilien ist es der Dia de Finados. In Polen leuchten die Friedhöfe an Allerheiligen nach Einbruch der Dunkelheit von unzähligen Kerzen. In weiten Teilen des katholischen Europas sind es Allerheiligen und Allerseelen. Die Bräuche unterscheiden sich, der Instinkt ist derselbe: Für ein, zwei Tage wird der Tod nicht versteckt. Er wird hereingebeten, gespeist und angesprochen.

Das Tarot hat genau dafür eine Karte, und sie ist die am häufigsten missverstandene des Decks. An einem Tag, an dem viele von uns an die Menschen denken, die sie verloren haben, schien es uns der richtige Moment, noch einmal auf den Tod zu schauen: woher die Karte kommt, was sie mit diesen Feiertagen verbindet und wie du sie behutsam nutzen kannst.

Zwei Arten, dieselbe Tatsache anzusehen

Viele moderne Gewohnheiten sind darauf angelegt, den Tod auf Abstand zu halten. Diese Feiertage tun das Gegenteil. In Mexiko bauen Familien eine ofrenda auf: einen Tisch mit Fotos, Kerzen, Studentenblumen, Wasser und den Lieblingsspeisen der Menschen, die sie für eine Nacht zu Hause willkommen heißen. Es steckt Trauer darin, aber auch Lachen, denn man erinnert sich an die Toten, wie sie waren, mit ihren Scherzen und Lieblingsspeisen. Die UNESCO erkennt die Tradition als immaterielles Kulturerbe der Menschheit an, und es ist besser, wenn sie von denen beschrieben wird, die sie leben, als von uns. Wir können nur sagen, was sie zu verstehen scheint: Sich an jemanden zu erinnern ist etwas, das man mit Absicht tun kann, mit den Händen, an einem Tisch.

Woher die Karte „Der Tod“ kommt

Die ersten Tarotkarten entstanden im Italien des 15. Jahrhunderts als Kartenspiel, dessen Trümpfe trionfi hießen, Triumphe. Historiker verbinden die Idee häufig mit den Triumphzügen der Zeit und mit Petrarcas Gedicht Die Triumphe, in dem auch der Tod einen eigenen Triumph hat. Der Tod hatte schon vor den Karten ein langes Bilderleben: Im späten Mittelalter zeigte der Totentanz ein Skelett, das einen Papst, einen Kaiser, ein Kind und einen Bauern an der Hand führt, in derselben Reihe, an denselben Ort. Die Karte hat dieses Bild geerbt. In vielen Marseiller Decks trägt sie nicht einmal einen Namen, nur die Zahl dreizehn, als zögere man, das Wort zu schreiben. Die längere Geschichte, wie das Deck seinen Weg um die Welt fand, haben wir in einem eigenen Text erzählt.

Der Tod aus dem Deck von Readings with Light Der Stern aus dem Deck von Readings with Light
Der Tod und der Stern. In der Reise des Narren liegen vier Tage zwischen ihnen.

Der große Gleichmacher

Im Rider-Waite-Bild reitet ein Skelett in Rüstung auf einem weißen Pferd. Unter den Hufen liegt ein gestürzter König, ein Bischof fleht, ein Kind streckt Blumen entgegen, und in der Ferne geht zwischen zwei Türmen die Sonne auf. Es ist der Totentanz in einem Bild: der gesellschaftliche Rang verschafft hier keine Vorteile, und der Weg ist für alle derselbe.

Mexiko hat sein eigenes Bild für denselben Gedanken. Um 1910 stach der Grafiker José Guadalupe Posada ein elegantes Skelett mit breitem, verziertem Hut, heute als La Catrina bekannt, eine Erinnerung daran, dass wir unter dem Putz alle gleich aussehen. Zwei Traditionen, durch Jahrhunderte und einen Ozean getrennt, sagen dasselbe, offen und freundlich: Alle gehen, also kommt es darauf an, wie du die Zeit verbringst und wem du es sagst.

Was die Karte fragt, und was nicht

Die Karte „Der Tod“ kündigt keinen Tod an. In einer Lesung spricht sie fast immer von etwas, das zu Ende gegangen ist oder gerade endet: einer Arbeit, einer Freundschaft, einer Version von dir, einer Hoffnung, die du lange getragen hast. Ihre Frage ist leiser als ihr Bild: Was ist längst zu Ende gegangen, das du noch immer mit dir trägst? In der Reise des Narren kehren wir zu ihr zurück: Dort kommt der Tod an Tag 14 als Kompost und nicht als Katastrophe, als das Fallenlassen dessen, was seine Zeit gehabt hat, damit Platz für das Kommende entsteht.

An einem Tag des Gedenkens wird dieselbe Frage zärtlich. Was ist zu Ende gegangen, und was davon willst du behalten? Erinnern ist kein Festklammern. Es ist die bewusste Entscheidung, was du weiterträgst.

Eine Legung der Erinnerung

Wenn du den Tag nutzen möchtest, gibt es hier eine kleine Möglichkeit mit drei Karten. Denk an einen Menschen oder eine Sache, die du vermisst: jemanden, der gestorben ist, ein Haustier, ein Zuhause, eine Version deines Lebens. Wenn es sich richtig anfühlt, zünde eine Kerze an. Dann lege drei Karten, eine für jede Frage:

  1. Was hat mir das gegeben? Das Geschenk, die Gewohnheit, der Satz, den du noch immer in dieser Stimme hörst.
  2. Was ist unvollendet? Was du nicht gesagt, nicht gefragt oder nicht verziehen hast.
  3. Wie kann ich es lebendig halten? Etwas Kleines, Machbares in diesem Monat: das Lieblingsgericht dieses Menschen kochen, die Geschichte erzählen, eine Person anrufen, die euch beiden nahestand.

Du kannst Karten aus deinem eigenen Deck auf dem Tisch auslegen und sie hier lesen lassen oder auf der Startseite um eine Drei-Karten-Lesung bitten, etwa mit der Frage: „Was trage ich von diesem Menschen in mir, und was kann ich damit anfangen?“ Schreib auf, was du siehst, bevor du die Bedeutung liest.

Was Tarot nicht kann

Tarot kann nicht mit den Toten sprechen, und wir tun nicht so, als könne es das. Was es kann, ist den Lebenden helfen, mit ihrer eigenen Erinnerung zu sprechen, und das ist nicht wenig. Wenn jemand erst vor Kurzem gegangen ist, willst du vielleicht gar keine Karten, und das ist in Ordnung: Setz dich mit einem Foto und einer Kerze hin. Das hier ist Reflexion, keine Therapie, und wenn die Trauer diese Woche schwer wiegt, soll das ein Grund sein, jemanden anzurufen, dem du vertraust.

Bewahre auf, was du geschrieben hast

Was auch auftaucht, das Journal bewahrt es auf, und in einer Woche kannst du fragen, was noch trägt. Die heutige Karte des Tages ist ein weiterer stiller Einstieg. Und wenn dir „Der Tod“ in letzter Zeit häufig in deinen Lesungen begegnet, bietet dir der Tarot-Kurs die Möglichkeit, dich eingehender mit dieser Karte zu beschäftigen.

✦ Tarot-Lesung